Birgt Ägypten noch Geheimnisse?

von unserem Gastautor Graham Hancock

Abb. 1 Maske des Pharao Tutanchamun von Ägypten. Sein Grab wurde 1912 von dem britischen Archäologen Howard Carter geöffnet.

Am frühen Abend des 26. November 1912 betrat der britische Archäologe Howard Carter zusammen mit seinem Geldgeber Lord Carnarvon das Grab eines jugendlichen Pharaos der Achtzehnten Dynastie, der Ägypten von 1352 bis 1343 v. Chr. regierte. Der Name dieses Pharaos, Tutanchamun (Abb.1), ist inzwischen weltberühmt.

Zwei Tage später wurde die sogenannte >Schatzkammer< des Grabes geöffnet. Sie enthielt einen großen goldenen Schrein und führte in einen weiteren Raum. Dieser hatte - was ungewöhnlich war - keine Tür, obwohl er erlesene Kostbarkeiten barg. Sein Eingang wurde vielmehr von einer wie lebendig wirkenden schakalköpfigen Statue bewacht. Das war der Totengott Anubis, der mit ausgestreckten Vorderpfoten auf dem Deckel eines vergoldeten hölzernen Kastens von etwa 1,20 Meter länge, 0,90 Meter Höhe und 0,60 Meter Breite lag. (Abb. 2)

Ägyptisches Museum, Kairo, Dezember 1993. Anubis hält noch immer Wacht auf seinem Schrein, nun aber in einer staubigen Glasvitrine. Ich betrachte ihn in aller Ruhe. Er war aus Holz geschnitzt und mit Stuck überzogen, der mit schwarzem Harz getränkt und kunstvoll mit Gold-, Alabaster-, Kalkspat- Obsidian- und Silberintarsien verziert war. Die Augen blitzten vor Aufmerksamkeit und Intelligenz; die feinmodellierten Rippen und die sehnige Muskulatur ließen Stärke, Energie und Grazie ahnen.

Ich war wie von ihm gebannt und fühlte mich lebhaft an die Präzessionsmythen aus aller Welt, mit denen ich mich im Vorjahr befaßt hatte. In diesen Mythen kamen so zahlreiche Hundegestalten vor, daß ich ihr Auftreten schließlich für "geplant" hielt. Der Leser wird sich daran erinnern, daß ich mich fragte, ob diese Hunde, Wölfe und Schakale von den Mythendichtern bewußt als Symbole eingesetzt wurden, damit die Eingeweihten durch einen Irrgarten von Andeutungen zu geheimen Schätzen vergessener wissenschaftlicher Kenntnisse finden könnten.

Abb. 2 Anubis als Wächter im Grabe Tutanchamuns. Sollte er die Seele des Pharao, wie den Gott Osiris im Mythos, durch die Unterwelt geleiten?

Ich hatte den Verdacht, daß ein solcher Hort im Mythos des Osiris versteckt war, denn mit dieser prähistorischen Überlieferung schien es mehr auf sich zu haben, als der erste Eindruck vermuten ließ. Zum Beispiel hatten die alten Ägypter ein Mysterienspiel daraus gemacht, das sie alljährlich aufführten. [1] Seine Zahlenangaben zur Präzession sind dermaßen exakt, daß es schwer fällt, an einen Zufall zu glauben. Außerdem kommt der Schakalgottheit in diesem Drama die Hauptrolle zu - sie führt die Seele des Osiris durch die Unterwelt -, und auch das scheint kein Zufall zu sein. [2] Ich fragte mich deshalb, ob es etwas Besonderes zu bedeuten hatte, daß Anubis von den altägyptischen Priestern "Wächter der geheimen und heiligen Schriften" bezeichnet wurde. [3] Auf der Unterseite des Deckels, auf dem sein Abbild ruht, fand man die Worte "In die Geheimnisse eingeweiht" [4] Alternativübersetzungen der Inschrift lauten: "Er, der auf den Geheimnissen ist" und "Wächter der Geheimnisse" [5]

Doch gibt es in Ägypten überhaupt noch Geheimnisse? Besteht irgendein Grund anzunehmen, daß der Sand dieses alten Landes nach mehr als einem Jahrhundert intensiver archäologischer Forschung noch Überraschungen bereithält?


Bauvals Sterne und Wests Steine

1993 bestätigte eine erstaunliche Entdeckung, daß wir noch längst nicht alles über das alte Ägypten wissen. Sie war nicht von einem kurzsichtigen Archäologen gemacht worden, der den Staub der Jahrhunderte durchsiebt, sondern von dem belgischen Bauingenieur Robert Bauval, der eine große Leidenschaft für die Astronomie hat. Seine Beobachtung war allen Experten entgangen, weil sie zu sehr auf den Boden zu ihren Füßen fixiert waren: Wenn die drei Gürtelsterne des Orion in Gizeh den Meridian kreuzen, bilden sie keine Linie, sondern sind leicht versetzt. Die beiden tieferen Sterne, Al Nitak und Al Nilam, befinden sich genau auf einer Diagonalen, der Dritte, Mintaka, steht jedoch - vom Betrachter aus gesehen - etwas weiter östlich.

Die drei rätselhaften Pyramiden auf dem Gizeh-Plateau entsprechen (wie in Kapitel 36 von "Die Spur der Götter" ausgeführt) exakt dieser Anordnung der Sterne. Bauvals Verdienst liegt darin, erkannt zu haben, daß die Große Pyramide in der Position des Al Nilam und die Pyramide des Mykerinos östlich versetzt von der Diagonalen liegt.

Heißt das, daß die Pyramiden von Gizeh eine riesige Sternkarte sind? Bauvals spätere Untersuchungen, die von Mathematikern und Astronomen vorbehaltlos anerkannt wurden, bestätigten seine Hypothese. Die drei Pyramiden sind ein genaues Abbild der drei Sterne des Oriongürtels und deuten sogar (durch ihre Maße) deren unterschiedliche Größe an [siehe "Die Spur der Götter", Kapitel 49]. [6] Außerdem erstreckt sich die irdische Sternenkarte auch nach Norden und Süden und schließt weitere Gebäude des Plateaus ein - ebenfalls mit absoluter Genauigkeit. [7] Die eigentliche Überraschung der Bauvalschen Berechnungen liegt jedoch in der Erkenntnis, daß sich zwar einige astronomische Aspekte der Großen Pyramide auf das Pyramidenzeitalter beziehen, die Anordnung der Bauwerke in Gizeh insgesamt jedoch nicht den (sich infolge der Präzession verändernden) Himmel zur Zeit der Vierten Dynastie um 2500 v. Chr. widerspiegelt, sondern ausschließlich den des Jahres 10 450 v. Chr. [8]

Abb. 3 Der Sphinx von Gizeh. Neben dem Taltempel und dem Osireion von Abydos ist gerade dieses Monument ein zentrales Element von John Anthony Wests Theorie.

Ich war nach Ägypten gekommen, um mit Robert Bauval eine Geländebesichtigung vorzunehmen und ihn über seine Theorie zu befragen. Außerdem interessierte mich, welche Zivilisation seiner Meinung nach in der Lage gewesen sein könnte, die Entfernung zu den Sternen zu berechnen und einen mathematisch so anspruchsvollen Lageplan wie den der Nekropole von Gizeh zu erstellen.

Ich wollte mich ebenfalls mit dem amerikanischen Forscher John Anthony West treffen, der der die herkömmliche altägyptische Chronologie radikal in Frage stellt. Er will handfeste Beweise dafür gefunden haben, daß es um 10 000 v. Chr. oder früher eine hochentwickelte Zivilisation im Niltal gab. Wie Bauvals astronomische Daten liegen auch Wests Beweise offen zutage, waren den Ägyptologen jedoch nicht aufgefallen. [9]

Im Mittelpunkt von Wests Theorie stehen der Sphinx (Abb. 3), der Taltempel in Gizeh und das geheimnisvolle Osireion im oberägyptischen Abydos. West behauptet, daß diese Bauten, obgleich sie in der Wüste stehen, eindeutige Spuren von Wassererosion aufweisen. Sie könnten ihr jedoch nur während der ungewöhnlich feuchten "Regenperiode" um das elfte Jahrtausend v. Chr. - gegen Ende der Eiszeit - ausgesetzt gewesen sein. [10] Nach ihrer merklichen Verwitterung zu schließen , müßten Osireion, Sphinx und ähnliche Gebäude deshalb vor 10 000 v. Chr. errichtet worden sein. [11]

Ein britischer Journalist beschrieb die Situation wie folgt: "Einen schlimmeren Albtraum als West kann es für einen Gelehrten nicht geben. West ist der typische Seiteneinsteiger, der aus dem Nichts auftaucht und eine gründlich durchdachte, mit umfassendem Datenmaterial untermauerte Theorie aus der Tasche zieht, sodaß dem akademischen Establishment der Boden unter den Füßen schwankt. Wie reagiert man? Gar nicht. Man ignoriert die Theorie in der Hoffnung, daß der Kelch vorübergehen möge ...., was er natürlich nicht tut." [12]

Abb. 4 Wissenschaftliche "Quertreiber" wie Hancock, Bauval und West entwickeln sich mit ihren Theorien zum Albtraum vieler Fachwissenschaftler. Hier der Kairoer Ober- Ägyptologe und TV-Entertainer Zahi Hawass.

Wests neue Theorie wird mit Sicherheit nicht in Vergessenheit geraten - obgleich etliche "berühmte Ägyptologen" sie ablehnen - , da sie von einer anderen wissenschaftlichen Disziplin kräftige Unterstützung erhält. Dr. Robert Schoch, Inhaber des Lehrstuhls für Geologie an der Boston University, hat Wests Schätzungen hinsichtlich des wahren Sphinxalters mit Nachdruck bestätigt, und an die 300 Fachkollegen schlossen sich ihm 1992 auf der Jahresversammlung der American Geological Society an. [13]

Seither schwelt ein Streit zwischen Geologen und Ägyptologen. [14] John West ist einer der Wenigen, die den Mut haben, laut auszusprechen, worum es bei dieser Auseinandersetzung in Wahrheit geht: um eine Revolution im Bereich der etablierten Kulturtheorien. "Man will uns weismachen, die Entwicklung der menschlichen Zivilisation sei ein linearer Prozeß gewesen. Sie habe beim beschränkten Höhlenmenschen eingesetzt und ihren Gipfel bei uns schlauen Kerlchen mit Wasserstoffbomben und gestreifter Zahnpasta erreicht.

Doch die Tatsache, daß der Sphinx viele tausend Jahre älter ist, als die Archäologen glauben - mithin älter als das dynastische Ägypten - deutet darauf hin, daß es irgendwann in ferner Vergangenheit eine hochentwickelte Kultur gegeben haben muß, wie uns sämtliche Mythen bestätigen." [15]

Meine eigenen Reisen und Forschungen hatten mir die Augen für die aufregende Möglichkeit geöffnet, daß die Mythen der Wahrheit entsprechen. Deshalb war ich noch einmal nach Ägypten zurückgekehrt, um mich mit Bauval und West zu treffen. Es hatte mich sehr beeindruckt, daß sich ihre bisher unabhängigen Forschungen [16] so überzeugend auf den auf den astronomischen und geologischen Spuren einer verschwundenen Kultur kreuzten. Sie stammte zwar möglicherweise nicht aus dem Niltal, schien aber mindestens bis zum elften Jahrtausend v. Chr. dort ansässig gewesen zu sein. [...]


Anmerkungen und Quellen

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Dieser Beitrag von Graham Hancock © wurde seinem, in Deutschland 1995 publizierten Buch "Die Spur der Götter - das sensationelle Vermächtnis einer verschollenen Kultur" entnommen, das im Verlag Bastei-Lübbe als Taschenbuch erschienen ist. Unsere Veröffentlichung erfolgt mit freundlicher Genehmigung des Autors.

  1. Siehe z.B.: David, "A Guide to Religious Ritual at Abydos", besonders S. 121
  2. Quelle: Wallis Budge, "The Gods of the Egyptians", Bd. 2, S. 262ff
  3. Quelle: Lamy, "Egyptian Mysteries", S. 93
  4. Quelle: Corteggiani, "The Egypt of the Pharaohs at the Cairo Museum", S. 118
  5. Quelle: ibid. Siehe dazu auch: Schwaller de Lubicz, "Sacred Science - The King of Pharaonic Theocracy", S. 182f
  6. Quelle: Bauval und Gilbert, "Das Geheimnis des Orion"
  7. Siehe: ibid.
  8. Siehe: ibid.
  9. Siehe: West, "Serpent in the Sky", S. 184
  10. Siehe: ibid., S. 186f
  11. Siehe: ibid.
  12. Quelle: "Mystery of the Sphinx", NBC TV, 1993
  13. Quelle: "Conde Nast Traveller", S. 176
  14. Siehe z.B. die American Association for the Advancement of Science, Chicago 1992, Debatte: "Wie alt ist die Sphinx?"
  15. Quelle: "Mysteries of the Sphinx", a.a.O.
  16. Anmerkung: John West und Robert Bauval lernten einander erst durch meine Vermittlung kennen.


Bild-Quellen

(1) Blinde Kuh, unter: http://www.blinde-kuh.de/kinder/tutanchamun.gif

(2) Canadian War Museum, unter http://www.civilization.ca/civil/egypt/egtut06e.html (Seite nicht mehr online)

(3) Wikimedia Commons, User: Sphinx

(4) http://www.robertbauval.com/articles/hawass1.html (Seite nicht mehr online)