Gavin Menzies: 1434 - The Year a Magnificent Chinese Fleet Sailed to Italy and Ignited the Renaissance
Rezension
von unserem Gastautor Dr. Horst Friedrich
Unentbehrliche Voraussetzung, dieses höchst anregende Buch und seine Hauptthese (ein direkter Kultureinfluß von Ming-China auf des christliche Abendland) ernstnehmen und würdigen zu können, ist die Kenntnis von Menzies´ vorausgegangenem Bestseller über die spektakulären weltweiten Entdeckungsfahrten großer chinesischer Flotten zur Zeit der Ming-Dynastie. [1] Man versteht sonst nicht, wie haushoch überlegen hinsichtlich Kultur, Technik, Schiffbau und Ozeannavigation China damals Europa war. Einzig und allein dem Umstand, daß China seine weltweiten Aktivitäten wieder abbrach, ist es zu verdanken, daß sich ein europäisches "Entdeckungszeitalter" überhaupt entfalten konnte mit kolonialistisch-imperialistischer Eroberung und Ausbeutung ferner Länder und Völker.
Schaden wird es aber durchaus nicht, vor dem Sich-Vertiefen in 1934 mal wieder Jacob Burckhards Die Kultur der Renaissance in Italien [2] zur Hand zu nehmen und sich in Erinnerung zu rufen, wie es mit dem allgemeinen und zivilisatorischen Kulturzustand Europas und speziell Italiens zur Zeit des Eintreffens der chinesischen Botschafter-Flotte bestellt war.
Menzies und seinem weltweit (auch in China) aktiven Netzwerk von Mitforschern zufolge hatten - ganz im Gegensatz zu den späteren brutalen Eroberungen und Vernichtungen fremder Kulturen durch die Europäer in ihrem "Entdeckungszeitalter" - jene chinesischen Flotten der Ming-Ära vor allem auch den Auftrag, als quasi friedliche Kulturbringer die fremden Völker in Übersee mit dem aktuellen Stand der chinesischen Kultur hinsichtlich Technologien, der Wissenschaften (Kartographie, Hochsee-Navigation), Kunst, Philosophie, Vielfältigkeit und gegenseitige Wertschätzung der Religionen bekannt zu machen, und sie zur Kontaktaufnahme auch ihrerseits mit China zu ermutigen.
Und Menzies´ These ist es eben, daß damals Europa und speziell das Italien der beginnenden Renaissance eine ebensolche "Injektion" erhielt, auf deren Verabreichung sie sichtlich reagierten. Zwar hatte die Renaissance zunächst mit einem wieder erwachenden Interesse an den "Alten", d.h. den antiken Hochkulturen des Altertums, begonnen, daher ja auch ihr Name ("Wiedergeburt"). Aber das allein war oder blieb es wohl nicht. Schon der doch wahrlich kompetente und scharfsinnige Jacob Burckhard macht zu diesem Punkt scharfsinnige Anmerkungen:
"Auf diesem Punkte unserer kulturgeschichtlichen Übersicht angelangt, müssen wir des Altertums gedenken, dessen >Wiedergeburt< in einseitiger Weise zum Gesamtnamen des Zeitraums überhaupt geworden ist. Die bisher geschilderten Zustände würden die Nation erschüttert und gereift haben auch ohne das Altertum, und auch von den nachher aufzuzählenden neuen geistigen Richtungen wäre wohl das meiste ohne dasselbe denkbar..." [3]
Könnte es also sein, daß der wahre Hauptanstoß, der die Renaissance eigentlich erst zu dem machte was sie wurde, eine interkontinentale maritime Kultur-Übertragung oder Kultur-"Injektion" aus Ming-China ins Abendland hinein war? Nach dem in 1434 ausgebreiteten umfangreichen Material scheint es in der Tat, als würde sehr viel dafür sprechen. Offenbar haben berühmte abendländische Kartographen, die damals von den Europäern noch unentdeckte Länder, Küsten und Meerengen (Magellan-Straße!) auf ihren Karten und Globen darstellten, etwa Toscanelli, Schöner, Regiomontanus
Anmerkungen und Quellen
Dieser Beitrag von Dr. Horst Friedrich wurde erstmals veröffentlicht in den MITTEILUNGEN DER NICOLAUS-BENZIN-STIFTUNG (10/6/2010, S. 141-144). Bei Atlantisforschung.de erscheint er im Dr. Horst Friedrich Archiv in einer redaktionell bearbeiteten Online-Fassung.
- ↑ Anmerkung des Verfassers: Gavin Menzies, "1421 - Als China die Welt entdeckte", deutschsprachige Ausgabe München 2003, ISBN 3-426-27306-3
- ↑ Anmerkung des Verfassers: Siehe etwa die Neuauflage (o.J. Magnus Verlag, ISBN 3-88400-220-1) der Ausgabe Berlin 1928
- ↑ Quelle: J. Burckhardt, op. cit., S. 171