Die Inselwelt von Atlantis

Prädiluviale Atlantik-Inseln als Zentrum des Atlanter-Reichs

(red) Innerhalb der atlantologischen Schule der "Atlantiker" hat sich in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhundert eine alternative Richtung entwickelt, die nicht zwangsläufig die Existenz eines Inselkontinents auf dem mittelatlantischen Rücken voraussetzt. Im Gegensatz zu Forschern, wie Otto Muck oder Egerton Sykes, die eine versunkene, zentralatlantische Großinsel vermuteten, gehen Forscher wie etwa Andrew Collins von der Annahme aus, es habe sich bei dem atlantischen Imperium um ein Inselreich von der bei Platon beschriebenen Ausdehnung gehandelt. "Atlantis war eine Großmacht, es war von größerer Bedeutung als Kleinasien und Libyen zusammen, aber von der Größe her war es KEIN Kontinent, genauso wie das alte 'Rom' ja auch kein Kontinent und trotzdem ein riesiges Reich zu unterjochen im Stand war. Oder denken Sie an das britische Empire, das von einer europäischen Großinsel ausging. Und so war Atlantis ebenfalls nichts als eine Großinsel..." [1]

Die Vorstellung von Atlantis als Hauptinsel einer Anzahl weiterer Eilande im vorzeitlichen Atlantik steht völlig in Einklang mit Platons Angaben im Dialog Timaios (25a), wo es über die Insel Atlantis heißt, dass dort eine "große und bewunderungswürdige Macht von Königen" entstand, "welche die ganze Insel beherrschten, sowie viele andere Inseln und Teile des Festlandes." [2] Außerdem korrespondiert sie ausgezeichnet mit den Schilderungen des atlantischen Großraums und seiner Inselwelt, die uns Theopompos von Chios, ein jüngerer Zeitgenosse Platons, mit seinem mythisch verbrämten Bericht über die Atlantide Meropa und der auf ihr und anderen Atlantikinseln vertretene Städtebauerkultur, die sich auch auf Teile Nordwest-Afrikas ausgedehnt habe sowie über den jenseits des Ozeans Liegende Land Anostos, wo Nationen riesenhafter Menschen zu Hause gewesen sein sollen. [3]

Nicht nur die Hellenen mit ihren sagenhafte 'Atlantiden', jenen 'Inseln der Seeligen' im fernen Westen des Okeanos, dort, wohin Zeus seinen Vater Kronos/Saturn, den Herrscher des 'Goldenen Zeitalters' [4] nach dessen Sturz verbannt hatte, oder weiter im Norden auch die alten Iren [5] mit ihren Sagen und Legenden über verlorene Inseln im Atlantik. verfügten über zahlreiche mythologische Berichte, die noch eine entfernte Erinnerung an jene frühesten Perioden atlantischer Kulturblüte widerspiegeln. Auch jenseits des Atlantik stützen mythologische Indizien in Form amerinder Ursprungslegenden, in denen das Atlantis-Motiv - diesmal nach Osten verlagert - zu finden ist. [6]

Die meeresgeologischen und topograpgischen Grundlagen für solch ein 'Inselwelt-Szenario' scheinen jedenfalls vorhanden zu sein. Wenn wir bedenken, dass - zumindest nach schulwissenschaftlicher Auffassung - die Meeresspiegel der großen Ozeane vor etwa 12 000 Jahren noch ca. 120 - 200 Meter niedriger als heute lagen, weil zu diesem Zeitpunkt noch gewaltige Wassermassen in den abtauenden Gletschern gebunden waren, dann vergrößert sich die überseeische Landfläche der atlantischen Inselwelt deutlich (sofern wir keine katastrophischen, großflächigen Landsenkungen voraussetzen, entstünde eine Landmasse von der Größe, wie Platon sie darstellt, im Zentralatlantik allerdings erst bei einer Absenkung des heutigen Meeresspiegels um ca. 1500 - 2000 Meter).

Auch die archäologische Fundlage stellt sich keineswegs so hoffnungslos dar, wie Kritiker häufig anführen. Obwohl im Laufe der Jahrtausende infolge katastrophischer Ereignisse oder auch durch Erosion und Verrottung die meisten Spuren jener vermuteten Kulturen der prähistorischen Inselwelt des Atlantik verschwunden sind, in den vergangenen Jahrzehnten scheinen immer mehr, naturgemäß hoch kontroverse, unterwasser-archäologische Funde [7], z.B. bei den Azoren, den Kanarischen Inseln, in der Karibik [8] und im Gebiet der Bahamas, vor den Atlantik-Küsten Marokkos [9] und Iberiens der und selbst in der Nordsee [10] gemacht. Sie scheinen die Annahme zu stützen, dass der Atlantikraum, schon lange vor den Entdeckungsfahrten der Neuzeit, bewohnt war und befahren wurde (siehe: Transatlantische Kontakte).

Einige Atlantida-Interpreten, wie der französische Autor und Forscher Louis Charpentier haben die Tatsache eher gestreift, dass das vermutete Vorzeit-Reich von Atlantis zunächst einmal ein Reich von Atlantikinseln gewesen sein muss, auch wenn seinen Bewohnern von Platon offenbar ungeheure Landgewinne im afro-europäischen Westen sowie im westlichen Mittelmeer zugeschrieben werden. Andere, wie etwa der eingangs zitierte britische Forscher und Autor Andrew Collins, der die 'Atlantiden' in der heutigen Karibik ausmacht und Platons Atlantis mit dem vorzeitlichen Kuba identifiziert, oder wie Jürgen Hepke aus Deutschland haben komplexere atlantologische Inselwelt-Modelle entwickelt.

Auch der populäre US-amerikanische Alternativ-Historiker und Atlantisforscher Charles Berlitz vertrat 1974 in seinem Buch "Das Atlantis Rätsel", inspiriert von den Arbeiten des Jean Albert Foëx [11], noch das Atlantis-Inselwelt-Modell, bevor er später, beeinflusst von den Readings Edgar Cace´s, der klassischen Interpretation eines zentralatlantischen Kleinkontinents zuneigte. Egerton Sykes, der führende britische Vertreter nonkonformistischer Atlantologie in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts, war fest davon überzeugt, dass es auch nach dem Untergang des eigentlichen Atlantis noch Folgekulturen auf verschiedenen Atlantikinseln gegeben habe (siehe: Egerton Sykes´ postatlantische Inselwelt).

Team Atlantisforschung.de


Beiträge zum Thema 'Inselwelt von Atlantis' in dieser Rubrik

Charles Berlitz und die Inselwelt von Atlantis (red)

Die atlantischen Inseln - Inselwelt von Atlantis (Charles Berlitz)

Egerton Sykes´ postatlantische Inselwelt (bb)


Mehr zu Egerton Sykes unter:

Egerton Sykes - Erinnerungen an ein reiches Forscherleben (bb)


Anmerkungen und Quellen

  1. Quelle: Andrew Collins, übersetzt ins Deutsche nach: http://www.andrewcollins.net/page/conference/ durch Atlantisforschung.de
  2. Quelle: Platon, Dialog "Timaios" (25a), in der Übersetzung von Jürgen Spanuth, in: "Die Atlanter - Volk aus dem Bernsteinland", Tübingen, 1977, S. 452
  3. Anmerkung: Zur mythischen Atlantide (= Atlantikinsel) Meropa, dem jenseits des atlantischen Okeanos liegenden Kontinent Anostos und deren Bewohner: B. Beier, Das Land der Riesen, die Satyre, Meropa und Atlantis, Teil I, Ein "Satyr" berichtet von Riesen aus Amerika - Der Silenus-Bericht in der atlantologischen Literatur
  4. Anmerkung: Zum frühen, auch von Platon vertretenen, zyklischen Geschichtsbild der antiken Hellenen und zu 'Goldenen', 'Dunklen' und anderen Zeitaltern siehe auch: Hesiods Menschheitsgeschichte - eine Interpretation von Uwe Topper; sowie: Platons anderer Atlantis-Bericht - Die 'Gesetze' und das Dunkle Zeitalter von Frank Joseph: sowie Nomoi (Die Gesetze), Atlantis und das verlorene Wissen der Alten von Bernhard Beier
  5. Siehe dazu auch: Atlantis - eine Spurensuche in Irland - Was Atlantologen von Donnelly bis Erlingsson sagen (bb)
  6. Siehe zum Atlantis-Motiv in den Ursprungs-Mythen der Amerinden auch: "Das Land der Riesen, die Satyre, Meropa und Atlantis", unter: Indianische Ursprungs-Mythen, Atlantis und Meropa (bb)
  7. Siehe dazu auch: Unterwasser-Archäologie und moderne Atlantisforschung (bb)
  8. Anmerkung: Zum Thema 'Atlantis in der Karibik' vergleiche auch: Hispaniola und die Atlantis-Theorie des Prof. Dr. Emilio Spedicato (red); sowie Iere - Das Atlantis der Kariben (bb)
  9. Siehe dazu auch: Die Ruinen von Lixus von R. Cedric Leonard sowie: Marokko - Atlantis im Chott el Fedjaj (bb)
  10. Anmerkung: Zu krypto-archäologischen Funden vor der heutigen Küste der Insel Helgoland vergleiche auch: Jürgen Spanuths Atlantis-Theorie, Teil I (Rezeption VII), Spanuths 'Steingrund'-Expeditionen und die Diskussion ihrer Ergebnisse von Bernhard Beier
  11. Siehe: Jean Albert Foëx, "Histoire Sous-Marine des Hommes", Paris, 1964; bzw.: "Der Unterwassermensch", Stuttgart, 1966 (deutschprachige Fassung)


Bildquellen

(1) http://www.tolos.de/ATLA.gif