Die Ägäis als Feld der modernen Atlantisforschung

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Abb. 1 Diese Karte zeigt den Großraum der heutigen Ägäis, östlich des griechischen Festlands, mit ihren - rot markierten - Inseln.

(bb) Wenn es in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhundert kurzzeitig ein "Mekka" der schulwissenschaftlich betriebenen Atlantisforschung gegeben hat, dann war es die Ägais, das mediterrane Seegebiet zwischen dem Peloponnes und Kleinasien. Während sich das Interesse der 'Nonkonformisten', aber auch der "Gläubigen" und Esoteriker unter den Atlantissuchern, in den siebziger Jahren weitgehend auf die westatlantische Bahama-Region bei Bimini konzentrierte, suchten atlantophile Fachwissenschaftler gerade im Bereich des Ägäischen Meers nach einer "vernünftigen", ureuropäischen Lösung des Atlantis-Problems.

Zu dieser Zeit war das westliche Nordafrika als möglicher Fundort des untergegangenen Atlanter-Reiches weitgehend durch die Fehlschläge - oder den Mangel an überzeugenden Beweisen - diskreditiert, welche die Forschungen und Expeditionen Godrons, de Proroks, oder Paul Borchards in den Jahrzehnten zuvor gezeitigt hatten. Da auch Iberien damals kein aktuelles Thema für Akademiker darstellte [1], die den historischen Wahrheitsgehalt von Platons Angaben im 'Licht der Wissenschaft' ausleuchten wollten, lag es eigentlich nahe, dass nun dort eine Orientierung einsetzte, die man als 'back to the roots' oder 'zurück zu den Quellen des klassischen Altertums' bezeichnen kann.

Berufs-Wissenschaftler wie der Archäologe Spyridon Marinatos und der Seismologe Angelos Galanopulos machten sich auf, das geschichtliche Atlantis dort zu finden, wo die fernsten Ursprünge der hellenischen Kultur ihrer Meinung nach zu suchen waren - in der Inselwelt der Ägäis. Dort befanden sich schließlich die Relikte einer faszinierenden, Vorläufer-Kultur der Hellenen, von deren Existenz die Sagen des klassischen Alterums noch berichteten: Das Reich des König Minos auf Kreta. Wie Homers Beschreibungen des Trojanischen Krieges und der alten Handelsmetropole bei den Dardanellen war auch das Minoerreich von "ernsthaften" Forschern solange ins Reich der Fabel verwiesen worden, bis plötzlich erdrückende Evidenzen für ihren historischen Charakter präsentiert wurden.

Während die frühen Forschungen des Spyridon Marinatos in den 1950er Jahren ihm zu Lebzeiten nur geringen Ruhm einbrachten, sorgten in den Atlantis-freudigen 1970ern die Medien für eine rasche Popularität von Prof. Galanopulos und seiner Arbeit. Aber auch eine ganze Reihe von Laienforschern, die mit ihren Buchveröffentlichungen zu 'Thera & Atlantis' ein breites Publikum erreichten, trugen zur Bekanntheit dieser Theorien bei. Zu der wesentlichen Literatur aus dieser Zeit gehören Martin Ebons "Neue Beweise für Atlantis" [2] und die "Reise nach Atlantis" von James W. Mavor Jr. [3]

Abb. 2 Die Inselwelt der Ägäis (hier die Küste des Eilands Skopelos) war in der Vergangenheit sehr weitreichenden, nicht nur klimatischen, sondern zudem auch topographischen und anderen Umwälzungen unterworfen.

Einen ersten "Dämpfer" erhielt das Lager der Kreta- und Thera-Atlantologen im Jahr 1976, als der pouläre französische Meeres-Forscher Jacques-Yves Cousteau nach einer mehrmonatigen, erfolglosen Suche mit seinem Tauchboot Calypso in den Gewässern der Ägäis auf einer Pressekonferenz verbittert erklärte, dass Atlantis doch nur ein Mythos sei. [4] Als Galanopulos und seine Anhänger auch später keinerlei zwingende Beweise für ihre Theorien vorweisen konnten, begann auch das allgemeine Interesse der Öffentlichkeit stetig nachzulassen. Zudem war es für andere Wissenschaftler, nachdem - nach Marinatos frühem Tode - Prof. Galanopulos zu einer Art "Papst" der Kreta-Atlantologie avanciert war, kaum mehr möglich, sich in diesem Bereich beruflich und publizistisch zu profilieren.

Zwangsläufig wandte sich auch das Interesse - und nicht selten auch der Ehrgeiz - akademischer Atlantisforscher wieder neuen Horizonten östlich und westlich der ägäischen Gestade zu; dorthin nämlich, wo es noch Raum für ihre ganz persönlichen, neuen Lokalisierungs-Theorien gab. Eine kleine Minderheit von Archäologen wie Eberhard Zangger, Peter James und Nikkos Kokkinos entdeckte in den folgenden Jahrzehnten Kleinasien als atlantologisches Neuland für sich, während die meisten "ernst zu nehmenden" 'Wissenschaftler' und 'Laienforscher' sich nun mit den Megalithkulturen Westeuropas und des westlichen Mittelmeerraums zu beschäftigen begannen.

Abb. 3 Die "Ibn Ben Zara"-Karte stammt aus dem 15. Jahrhundert und wurde vermutlich nach weitaus älteren Vorlagen erstellt. Dieser Ausschnitt zeigt eine viel umfangreichere ägäische Inselwelt als wir sie heute kennen.

Selbst wenn sie, als scheinbar reputierliche und "vernünftige" Atlantis-Lokalisierung, in dieser Funktion auch heute noch einen großen Bekanntheitsgrad in der Öffentlichkeit aufweist, ist die Ägäis in der Atlantisforschung inzwischen keine ernst zu nehmende Kandidatin für die Entdeckung der atlantischen Metropolis mehr. Trotzdem kann die Atlantologie das "Forschungsfeld Ägäis" keinesfalls ignorieren.

Zunächst einmal haben archäologische Ausgrabungen in und bei Athen inzwischen nachgewiesen, dass Platons Orts-Beschreibungen von 'Ur-Athen' absolut authentisch sind [5] Die urbanen Gegebenheiten, die er im Timaios-Dialog schildert, haben dort tatsächlich in der späten Bronzezeit wie beschrieben existiert. Damit steht jedoch auch ohne jede Frage fest, dass es sich bei seinen beiden Atlantis-Dialogen - zumindest in Teilen - um verifizierbare Berichterstattung handelt, der weitgehend historische Tatsachen zu Grunde liegen. Auch, wenn wir bezüglich einer geographischen und chronologischen Lokalisierung der Atlanter-Hauptstadt zu völlig anderen Ergebnissen gelangen, dürfen wir die Suche nach Koinzidenzen zwischen den platonischen Aussagen im Atlanticus [6] und den geschichtlichen Ereignissen während der späten Bronzezeit nicht vernachlässigen. Dies gilt für den mediterranen Großraum im Allgemeinen sowie im Besonderen für den Peloponnes und die Ägäis. Auch diejenigen, die den eigentlichen Ursprung bzw. die ältesten Komponenten des Atlantisberichts in weitaus älteren Epochen vermuten, können nicht ignorieren, dass die Atlantida zumindest teilweise auf Ereignissen fußt, die sich erst zu diesem relativ späten Zeitraum - lange nach dem von Platon benannten Untergang von Atlantis - ereignet haben müssen.

Abb. 4 Viele der einst von üppiger Vegetation bedeckten Inseln und Küsten des Peloponnes und der Ägäis sind heute verödet und kahl. Hier ein Foto von der Insel Kreta.

Platon und die Topographie der ägäischen Inselwelt liefern jedoch gerade auch den Katastrophisten unter den Atlantisforschern noch einen weiteren Grund zu intensiver Beschäftigung mit der prähistorischen Vergangenheit dieses geographischen und kulturellen Raumes. Bekanntlich stellt bei Platon der Kritias im gleichnamigen Dialog (111a f.) gravierende Umeltzerstörungen fest, die sich in ferner Vergangenheit im Lebensraum der Hellenen ereignet haben müssen: "Damals aber trug das Land alles in großer Fülle. Das gesamte Land liegt indem es sich vom übrigen Festland aus weit ins Meer hinein erstreckt, wie ein Vorgebirge da, und das ganze es umbebende Meer ist an seinen Küsten sehr tief. Da nun in den neuntausend Jahren, denn solange ist von damals bis jetzt verstrichen, viele und mächtige Überschwemmungen stattfanden, so dämmte sich die in so langer Zeit und bei solchen Naturereignissen von den Höhen herabgeschwemmte Erde nicht, wie andernwärts, hoch auf, sondern versank, immer ringsherum fortgeschwemmt, in der Tiefe."

Weiter heißt es dort: "Es sind nun aber, wie bei kleinen Inseln, mit dem damaligen Zustand verglichen, gleichsam nur die Knochen des erkrankten Körpers noch vorhanden, indem nach dem Herabschwemmen des fetten und lockeren Bodens nur der dürre Körper des Landes (Abb. 4) zurückblieb. In dem damaligen noch unversehrten Lande erschienen die Berge wie Erdhügel, die Talgründe des jetzt sogenannten Phelleus ("Steinflur") waren mit fetter Erde bedeckt, und die Berge bekränzten dichte Waldungen, von denen noch jetzt augenfällige Spuren sich zeigen. Denn jetzt bieten die Berge nurmehr den Bienen Nahrung; vor nicht langer Zeit aber standen noch die Bedachungen von zum Sparrenwerk tauglichen, dort für die größten Bauten gefälligen Bäume unversehrt. Auch trug der Boden viele andere hohe Fruchtbäume und bot den Herden höchst ergiebige Weide."

War dies lediglich die phantasievolle Beschreibung eines märchenhaften 'Goldenen Zeitalters', oder gibt Platon hier eine historische Beschreibung des ökologischen Zustands in ferner Vergangenheit ab? Tatsächlich gibt es einige Indizien, die auf gewaltige Umweltveränderungen im mediterranen Raum, und besonders im Bereich der Ägais schließen lassen. So bilden alte Kartenwerke, wie die Ibn ben Zara-Karte (Abb.3) eine weitaus umfangreichere Inselwelt ab als wir sie heute kennen. Der bekannte Alternativhistoriker Prof. Charles H. Hapgood, der sich intensiv mit den "anomalen" Produkten historischer Kartographie beschäftigte, kam zu dem Ergebnis, dass Ibn ben Zara vermutlich weitaus älteres Kartenmaterial verarbeitet hat. Diese Karten müssen einen authentischen Zustand der Ägäis abgebildet haben, wie sie sich vor vielen Jahrtausenden dem Betrachter dargeboten hat. [7]

Damit stellt sich einerseits die Frage nach Herkunft und Verbleib der unbekannten "Ur-Kartographen", und andererseits wird die Neugier des Forschers geweckt, wenn es um den Lebensraum Ägäis, seine vormalige Topographie und frühe Besiedlung während der vergangenen zwölf Jahrtausende geht - eine Herausforderung für die Alternativ-Historik und Atlantisforschung!


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  • Pavlopetri - Anmerkungen aus atlantologischem Blickwinkel (bb)


Anmerkungen und Quellen

Fußnoten:

  1. Anmerkung: vergl. Geschichte der Atlantisforschung IV, Atlantisforschung im 20. Jahrhundert
  2. Martin Ebon, Neue Beweise für Atlantis (orig: Atlantis - The New Evidence, 1977), München 1978, Wilhelm Heyne Verlag
  3. James W. Mavor Jr., Reise nach Atlantis (orig: Voyage to Atlantis, 1969), Wien / München 1977, Molden-Taschenbuch
  4. Siehe dazu: Das atlantologische 'Gastspiel' des Jacques-Yves Cousteau (bb)
  5. Siehe z.B.: Axel Hausmann, Atlantis - Die versunkene Wiege der Kulturen, Aachen 2000, S. 47; dort heißt es u. a. über ärchäologische Entdeckungen bei Athen: "Am Nordhang des Akropolisfelsens legten die Ausgräber auch eine künstlich in den Felsen eingehauene Treppe frei, die zu einer nur noch spärlich rinnenden Quelle am Fuß des Burgbaus hinabführt und bestätigten damit die Angaben Platons. Keramikfunde aus der Zeit der Benutzung der Anlage erlauben eine Zuordnung in die Zeit des Mauerbaus während der spätmykenischen Epoche."
  6. Erklärung: Atlanticus = 1. Zusammenfassende Bezeichnung für die von Platon geplante Trilogie aus den beiden, u.a. Atlantis betreffenden, Dialogen "Timaios" und "Kritias" sowie dem nicht mehr verfassten Dialog "Hermokrates". 2. Atlantologisches Synonym für Atlantisbericht / Atlantida
  7. Charles H. Hapgood, Maps of the Ancient Sea Kings - Evidence of Advanced Civilization in the Ice Age, Adventures Unlimited Press, 1996 (Erstausg. 1966), S. 177-179

Bild-Quellen:

1) Bgabel (auf wikivoyage shared) bei Wikimedia Commons, unter: File:GR-Ägäis-Ins.png (Lizenz: Creative-Commons, „[https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/deed.de Namensnennung – Weitergabe unter gleichen Bedingungen, 3.0 nicht portiert“)
2) schwarzaufweiß.de - Das Reisemagazin (Bild-Adresse)
3) Charles H. Hapgood, Maps of the Ancient Sea Kings - Evidence of Advanced Civilization in the Ice Age, Adventures Unlimited Press, 1996 (Erstausg. 1966), S. 177 (Bild-Bearbeitung durch Atlantisforschung.de)
4) Norro bei Wikimedia Commons, unter: File:Crete typical landscape.jpg (Bild-Bearbeitung durch Atlantisforschung.de)